Gaza-Rede: Umweltminister Schneider verlässt Berlinale aus Protest
Aus Protest gegen eine propalästinensische Rede hat Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) während der Preisverleihung am Samstagabend die Berlinale verlassen. Der Regisseur Abdallah Alkhatib warf der Bundesregierung vor, "Partner des Völkermords in Gaza zu sein", wie ein Sprecher des Ministeriums am Sonntag ausführte. "Der Bundesminister hält diese Aussagen für nicht akzeptabel und hat daher während der Rede die Veranstaltung verlassen". Auch aus der Union kam scharfe Kritik an den Aussagen.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sagte der "Bild"-Zeitung am Sonntag: "Die sich hier als Pro-Palästina-Aktivisten inszenieren, geht es nicht um Menschenrechte. Es geht ihnen nicht um Dialog, nicht um Frieden, nicht um differenzierte Kritik". Es gehe ihnen allein um "Israel-Hass".
Die Aktivisten hätten die Preisverleihung missbraucht, "um pauschale Schuldzuweisungen und ihre Doppelmoral zu verbreiten, demokratische Institutionen zu diffamieren und moralische Tribunale zu inszenieren", warf Wegner ihnen vor. Er lobte aber die Festivalleitung. Tricia Tuttle und Wim Wenders hätten alles dafür getan, um der Berlinale "einen würdigen Rahmen zu geben" und mit "Feingefühl, Offenheit und Dialogbereitschaft" durch das Filmfestival geführt.
Der syrisch-palästinensische Regisseur Alkhatib hatte für sein Filmdebüt "Chronicles from the Siege" einen Preis erhalten. Schneider war nach Angaben seines Ministeriums als einziges Mitglied der Bundesregierung dabei, als Alkhatib seine Rede hielt. Israels Botschafter Ron Prosor lobte Schneider später in "Bild" für dessen "moralische Klarheit".
Auch CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann kritisierte "abstoßende Szenen" bei der Preisverleihung des Filmfestivals. Im Onlinedienst X sprach Hoffmann von "Völkermord-Vorwürfen, antisemitischen Ausfällen und Drohungen gegen Deutschland auf der Berlinale", die "absolut inakzeptabel" seien. "Die abstoßenden Szenen bei der Preisverleihung unterstreichen die Notwendigkeit, klar Stellung zu beziehen und Antisemitismus als besonders schweren Fall der Volksverhetzung einzustufen", erklärte Hoffmann.
Auch abseits der Rede Alkhatibs war der Gazakrieg Thema bei der Preisverleihung: So beklagte die libanesische Regisseurin Marie-Rose Osta, die für ihren Kurzfilm "Yawman ma walad" ("Someday a Child") auszeichnet wurde, dass der Waffenstillstand nicht eingehalten werde und zahlreiche Kinder im Libanon und in Gaza von israelischen Bomben bedroht würden.
Zu Beginn des Abends war Festivalleiterin Tuttle auf die Kritik mehrerer Filmschaffender an der Berlinale in Bezug auf den Gazakonflikt eingegangen. Kritik zu üben sei Teil der Demokratie, betonte Tuttle. Ein Festival wie die Berlinale könne die Konflikte der Welt nicht lösen. "Aber es kann Raum schaffen für Komplexität, für Zuhören und dafür, einander zu vermenschlichen."
Mehr als 80 Filmschaffende, darunter Stars wie Javier Bardem und Tilda Swinton, hatten in einem offenen Brief das "Schweigen" der Berlinale zum Gazakrieg kritisiert. Die Berlinale ist das wichtigste Filmfestival in Deutschland und eines der bedeutendsten weltweit.
(R.Lavigne--LPdF)