Nach tödlichem Angriff: Israelische Armee startet Großoffensive in Hebron
Wenige Tage vor der Parlamentswahl in Israel ist die israelische Armee am Samstag auf Anweisung von Regierungschef Benjamin Netanjahu in die Stadt Hebron im besetzten Westjordanland vorgedrungen. Es fänden "präzise, gezielte und gründliche Durchsuchungen" statt, teilte die israelische Armee mit. Die "Anti-Terror-Einsätze" würden "voraussichtlich mehrere Tage andauern". Palästinensische Behörden erklärten, rund 250 Familien seien vertrieben worden. Nach dem Tod von zwei Soldaten bei einem Angriff bewaffneter Palästinenser hatte Netanjahu eine "vollständige Abriegelung" des Palästinensergebiets angeordnet.
Die israelische Armee und der Inlandsgeheimdienst Shin Bet sprachen von Einsätzen an Dutzenden Orten. Sicherheitskräfte durchsuchten demnach im Raum Hebron Ziele und nahmen Befragungen vor, um "terroristische Infrastruktur zu lokalisieren und zu zerschlagen". Die Sicherheitskräfte rissen außerdem "illegale Strukturen ab, die eine Sicherheitsbedrohung darstellen könnten".
Im Stadtteil Ein Dir Baha in Hebron waren Gebäude mit "X" markiert, um anzuzeigen, dass sie von Menschen geräumt worden sind. Die Straßen in dem Gebiet waren wie ausgestorben. An einem Haus, das offenbar von Soldaten übernommen worden war, hing eine israelische Flagge.
Der palästinensische Ladenbesitzer Shawer al-Tamimi, der eine Führungsrolle in dem Stadtteil einnimmt, teilte der Nachrichtenagentur AFP mit, israelische Soldaten hätten ihn um 1.00 Uhr morgens geweckt und ihm und anderen Bewohnern gesagt, sie müssten gehen. Er habe nur zwei Stunden Zeit gehabt und lediglich Kleidung und seine offiziellen Dokumente eingepackt. Viele Familien hätten keine Fahrzeuge und versuchten, bei Verwandten anderswo unterzukommen.
Das geschehe nur, weil Netanjahu die Wahl gewinnen wollte, betonte al-Tamimi. "Er will sie mit dem Blut des palästinensischen Volkes gewinnen", sagte der 70-Jährige. "Aber wir werden nirgendwohin gehen."
Rund ein Drittel von Hebron sei ins Visier genommen worden, teilte der Gouverneur von Hebron, Chaled Dudin, AFP mit. "Sie haben in dem Viertel angefangen, aus dem die Menschen kamen, die den Angriff ausgeführt haben, aber es gibt keine Garantie, dass der Einsatz nicht ausgeweitet wird", sagte er. "Das kommt einer kollektiven Bestrafung von Zivilisten gleich, die überhaupt nichts damit zu tun haben", fügte er hinzu.
Dudin zufolge wurden 150 Familien vertrieben. Der Bürgermeister von Hebron, Jussef al-Dschaabari, und der palästinensische Aktivist Issa Amro bezifferten die Zahl auf 250. "Wir werden ihnen Unterkünfte besorgen und diesen Menschen alle Hilfe zukommen lassen, die sie benötigen", sagte al-Dschaabari AFP mit Blick auf die Vertriebenen.
Zwei Angreifer hatten am Freitagmorgen an einem Kontrollpunkt nahe Hebron mit einer Pistole und einem automatischen Gewehr das Feuer auf israelische Soldaten eröffnet. Sie töteten nach Armeeangaben zwei 20 und 23 Jahre alte Soldaten und verletzten drei weitere, bevor sie erschossen wurden. Die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas begrüßte den tödlichen Angriff gegen die israelischen Soldaten als "heldenhafte Operation", bekannte sich aber nicht dazu.
Nach dem Angriff stellte Netanjahu eine Militäroffensive in Aussicht, wie es sie seit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 nicht gegeben habe. Netanjahus rechtsextremer Finanzminister Bezalel Smotrich verlangte eine Militäroffensive im Westjordanland "genau wie im Gazastreifen". In Israel wird am Dienstag ein neues Parlament gewählt. Netanjahu strebt dabei eine weitere Amtszeit an.
Netanjahu kündigte außerdem eine "sehr große Überraschung" für die Palästinensische Autonomiebehörde an. In einem Interview mit dem israelischen Sender i24News wich er zwar einer direkten Antwort aus, als er gefragt wurde, ob er die Palästinenserbehörde zerschlagen werde. Der israelische Regierungschef sagte jedoch: "Ich werde diese Bedrohung mit Mitteln neutralisieren, von denen ich denke, dass sie im Moment besser ungenannt bleiben."
Nach dem Angriff am Freitag hatten bereits Smotrich und Israels rechtsextremer Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir die Auflösung und Entmilitarisierung der Palästinenserbehörde gefordert. "Wir dürfen nicht warten, bis sich ein 7. Oktober im Westjordanland ereignet", warnte Ben Gvir. Hinweise darauf, dass die Autonomiebehörde an dem Angriff beteiligt war, lagen nicht vor.
Israel hält das Westjordanland seit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 besetzt. Dort leben etwa drei Millionen Palästinenser und mehr als 500.000 israelische Siedler, deren Siedlungen nach dem Völkerrecht illegal sind. Hebron ist in einen palästinensisch verwalteten und einen von der israelischen Armee kontrollierten Teil mit israelischen Siedlern aufgeteilt. Zuletzt verschärften Siedlerangriffe auf palästinensische Olivenbauern die Spannungen.
Seit dem Hamas-Großangriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 wurden im Westjordanland nach einer AFP-Zählung anhand palästinensischer Gesundheitsdaten mindestens 1113 Palästinenser getötet, die meisten von ihnen durch israelische Soldaten. Nach UN-Angaben waren darunter 37 von Siedlern getötete Menschen. Israelischen Angaben zufolge kamen im selben Zeitraum mindestens 49 Israelis ums Leben.
(H.Duplantier--LPdF)